kafkas zimmer am 4.10.1911





















Bei meinen Recherchen zu den Schreibräumen habe ich diese Tagebuchstelle "entdeckt", die mich wegen der genauen, fast wissenschaftlichen Beschreibung einer sehr begrenzten räumlichen Situation interessiert. Ich habe deshalb beschlossen diesen Text als neues Projekt in eine 3d Animation umzusetzen.Raum-Literaturprojekt zu Kafkas Tagebuchstelle vom 4.10.1911

"Gegen Abend im Dunkel in meinem Zimmer auf dem Kanapee. Warum braucht man längere Zeit um eine Farbe zu erkennen wird dann aber nach der entscheidenden Biegung des Verständnisses rasch immer überzeugter von der Farbe. Wirkt auf die Glastür von außenher das Licht des Vorzimmers und jenes der Küche gleichzeitig, so gießt sich grünliches oder besser um den sichern Eindruck nicht zu entwerten, grünes Licht die Scheiben fast ganz hinab. Wird das Licht im Vorzimmer abgedreht und bleibt nur das Küchenlicht, so wird die der Küche nähere Scheibe tiefblau, die andere weißlich blau so weißlich, daß sich die ganze Zeichnung auf dem Mattglas (stilisierte Mohnköpfe, Ranken, verschiedene Vierecke und Blätter) auflöst. - Die von dem elektrischen Licht auf der Straße und Brücke unten auf die Wände und die Decke geworfenen Lichter und Schatten sind ungeordnet zum Teil verdorben einander überdeckend und schwer zu überprüfen. Es wurde eben bei der Aufstellung der elektrischen Bogenlampen unten und bei der Einrichtung dieses Zimmers keine hausfraumäßige Rücksicht darauf genommen, wie mein Zimmer zu dieser Stunde vom Kanapee aus ohne eigene Zimmerbeleuchtung aussehn wird. - Der von der unten fahrenden Elektrischen an die Decke emporgeworfene Glanz fährt weißlich, schleierhaft und mechanisch stockend die eine Wand und Decke, in der Kante gebrochen, entlang. - Der Globus steht im ersten frischen vollen Widerschein der Straßenbeleuchtung auf dem oben grünlich rein überleuchteten Wäschekasten, hat einen Glanzpunkt auf seiner Rundung und ein Aussehn, als sei ihm der Schein doch zu stark, trotzdem das Licht an seiner Glätte vorüberfährt und ihn eher bräunlich, lederapfelartig zurückläßt. - Das Licht aus dem Vorzimmer bringt einen großflächigen Glanz an der Wand über dem Bett hervor, der in einer geschwungenen Linie vom Kopfende des Bettes aus begrenzt wird, das Bett im Anblick niederdrückt, die dunklen Bettpfosten verbreitert, die Zimmerdecke über dem Bette hebt."
(aus Franz Kafkas Tagebücher)

aus Kafkas Reisetagebuch "Friedländer Reise, Jänner 1911"
Kaiserpanorama. Einzige Vergnügung in Friedland. Habe keine rechte Bequemlichkeit darin, weil ich mich einer solchen schönen Einrichtung wie ich sie dort antraf, nicht versehen hatte, mit schneebehängten Stiefeln eingetreten war und nun vor den Gläsern sitzend nur mit den Fußspitzen den Teppich berührte. Ich hatte die Einrichtung der Panoramas vergessen und fürchtete einen Augenblick lang von einem Sessel zum andern gehn zu müssen. Ein alter Mann bei einem beleuchteten Tischchen, der einen Band illustrierte Welt liest, führt das ganze. Läßt nach einer Weile für mich ein Ariston spielen. Später kommen noch 2 alte Damen, setzen sich rechts von mir, dann noch eine links. Brescia, Kremona, Verona. Menschen drin wie Wachspuppen an den Sohlen im Boden im Pflaster befestigt. Grabdenkmäler: eine Dame mit über eine niedrige Treppe schleifender Schleppe öffnet ein wenig eine Tür und schaut noch zurück dabei. Eine Familie, vorn liest ein Junge eine Hand an der Schläfe, ein Knabe rechts spannt einen unbesaiteten Bogen. Denkmal des Helden Tito Speri: verwahrlost und begeistert wehen ihm die Kleider um den Leib. Bluse, breiter Hut. Die Bilder lebendiger als im Kinematographen, weil sie dem Blick die Ruhe der Wirklichkeit lassen. Der Kinematograph gibt dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung, die Ruhe des Blickes scheint wichtiger. Glatter Boden der Kathedralen vor unserer Zunge. Warum gibt es keine Vereinigung von Kinema und Stereoskop in dieser Weise? Plakate mit Pilsen Wihrer aus Brescia bekannt. Die Entfernung zwischen bloßem Erzählenhören und Panorama sehn ist größer, als die Entfernung zwischen Letzterem und dem Sehn der Wirklichkeit. Alteisenmarkt in Kremona. Wollte am Schluß dem alten Herrn sagen, wie gut es mir gefallen hatte, wagte es nicht. Bekam das nächste Programm. 


Erste Bilder aus der Animation
Kafkas Zimmer am 4. Oktober 1911

video

1. Versuchsanordnung
Erstellung eines "realistischen" 3d Modells mit verschiedenen Lichtquellen


Prag Niklasstrasse
Wohnung der Familie Kafka in der Niklasstrasse




imagines et loci



















3d-Animationsfilm
2009
11 min 57 sec
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner

Aufführungen 2009/2010
"Les Instants Vidéo", Marseille
ab November 2009 Teil des "CologneOFF V" Festivals

"There is no escape from yesterday
because yesterday has deformed us,
or been deformed by us."
(Samuel Beckett)

Ausgelöst durch alte Familienphotos und das Ticken der Uhr setzt ein Erinnerungsprozess ein, der mit der räumlichen Überblendung von erinnerter Wirklichkeit und vorgestellter Möglichkeit spielt.
Das Kind betritt zur Bibelstunde das Haus der Großeltern, eine strenge, religiöse, geordnete Welt, fest eingebunden in einen zeitlich exakt geregelten Tagesablauf. Ein Ort, der kindlichen Bedürfnissen keinen Platz zugesteht. Die Kamera folgt konsequent dem Blick des Kindes, das, fokussiert auf bestimmte Dinge, Fluchtstrategien entwickelt. Vor dem Auge des Betrachters entstehen Hyperräume kindlicher Vorstellung, kurzzeitige Rückzugsorte, die jedoch ohne wirklichen Ausweg im fest umgrenzten Erinnerungsort enden.

constant dripping or no escape























3d-Animationsfilm
2009
3min 20sec
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner

Das stete Tropfen des Wasserhahns symbolisiert unsere alltägliche, sorglose Verschwendung von wertvollen Ressourcen, deren Auswirkungen in diesem Kurzfilm jedoch nicht in fernen Ländern oder Zeiten zu spüren sind, sondern unmittelbar in einer häuslichen Katastrophe enden, aus der es kein Entkommen gibt.

Aufführungen:
- CeC - Carnival of eCreativity Sattal/India, 2013
- MIA Screening Series, Armory Center for the Arts, Pasadena, California, USA, 2013 
- Upez African Humanitarian Development Project, Lagos, Nigeria, 2012
- Francis McCray Gallery of Contemporary Art, Western New Mexico University, USA, 2012
- Museums of Los Gatos, Kalifornien, USA, 2012
- Gallery Lothringer13/spiegel, Munich, 2009
- Art + Technology Center EYEBEAM, New York City, 2009
- VideoArtFestival MIDEN, Kalamata, Greece, 2009
- 700IS Reindeerland, Iceland, 2010
- crosstalk, video art festival, Budapest, Hungary, 2010
- Centre Culturel Français, Oran, Algeria, 2010
- Foundation AllArtNow, Damascus, Syria, 2010
- Video Art Festival /SI :N/ 2, Palestine, Ramallah, 2011
- KunstNachtKempten, Kempten, Germany, 2011

expeditio





expeditio (mehr Informationen und Videos auf meiner website)
"expeditio" - Gedankenreise in den virtuellen Raum
30-minütiger Animationsfilm als Expeditionsbericht in 7 Episoden
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner
Sprecher: Helmut Becker
Musik: Eppie E Hulshof

bisherige Aufführungen:
"paraflows" - Medienkunstfestival in Kooperation mit MAK, Wien (Sept. 2007)
Wohn-Atelierhaus Veit-Dirscherl, Rattenbach (Nov.-Dez. 2007)
"EMERGEANDSEE" - Festival, Kino Babylon, Berlin (Feb. 2008)
"RAUM-PERSPEKTIVE-MEDIUM", Kunsthistorisches Institut, Tübingen (Mai 2008)
Upgrade!Munich, i-camp, München (Juli 2008)
Les Instants Vidéo, Marseille (Nov. 2008)
Internationales Film Festival, IFFR, Rotterdam (Jan. 2009)

Da sich die wahren unentdeckten Gebiete im Kopf befinden, begibt sich ein Raumschiff von wesenhafter Gestalt auf eine Gedankenreise in den virtuellen Raum.
Das Raumschiff ist mit allen nur erdenklichen und z.T. absurden Hilfsmitteln der Wahrnehmung, wie Spezialkameras, Mikrophone, Sensoren, Röntgengeräte, Navigationssysteme u.s.w. ausgestattet. So wird die Wahrnehmungswelt scheinbar erweitert, archiviert und analysiert.
Ein ironisches Spiel mit der heutigen Darstellbarkeit und Schaffung von Pseudorealitäten durch digitale Bilder beginnt. Die inzwischen allseits übliche Methode (Medizin, Wissenschaft, Politik, Medien) an Hand virtueller Modelle einen Sachverhalt anscheinend schlüssig darzustellen und so zu "beweisen" wird ins Phantastische gesteigert.
Die Abenteuer bestehen aus Räumen, die agieren, sich verändern, alle statischen Regeln und logische Raumabfolgen ausser Kraft setzen, mit verfremdeten Klängen erfüllt sind und die Handlung bestimmen. Das Raumschiff reagiert auf die jeweiligen Situationen, sammelt Informationen, die im weiteren Verlauf ausgewertet, kommentiert und wiedergegeben werden. Wie bei den frühen klassischen Expeditionsberichten ist die Sprache sowohl wissenschaftlich, als auch poetisch schildernd, durchsetzt mit kurzen Zitaten aus Adalbert Stifters "Bunten Steinen".
Nach fünf unterschiedlichen Raumabenteuern endet die Reise in einer kleinen Schneekugel, die auf einem Zeichentisch steht, auf dem sich die Konstruktionszeichnung des Raumschiffs, eine Postkarte zu Jules Vernes "Reise zum Mond" sowie ein Erzählband Adalbert Stifters befinden.

Ich lese sehr gerne Expeditionsliteratur (sei es fiktive oder reale), auch wegen der oftmals schönen beschreibenden Bildtafeln. Eigentlich war ich fest davon überzeugt selbst einmal eine Forschungreise zu unternehmen. Leider ergab es sich nie, so ist die virtuelle Expedition in den Gedankenraum entstanden.










erzählraum


Kafka "Die Verwandlung"


Goethe "Die Wahlverwandtschaft"


Büchner "Lenz"


Musil "Die Vollendung der Liebe"

erzählraum (mehr Informationen und Videos auf meiner website)
Architektur-Literaturprojekt (2003-2006)
Umsetzung von Literatur in virtuelle Raummodelle
susanne wiegner © 2009

Computeranimation "Die Verwandlung" Franz Kafka
ausgestellt im Rahmen der Ausstellung
"Architektur wie sie im Buche steht"

Pinakothek der Moderne, München (2006/07)
Jenisch Haus, Hamburg (2007)

schreibraum


Schreibraum für Bettine von Arnim

Schreibraum für Lenz und Kleist

Schreibraum für Hölderlin und E.T.A Hoffmann

Schreibraum für B.v. Arnim und Droste-Hülshoff

Schreibraum für Kafka und Robert Walser





Entwurfsskizzen für die Schreibräume für Kafka und Benn

schreibraum (mehr Informationen und Videos auf meiner website)
Virtuelle Schreibräume für 10 verstorbene Dichter
Lenz/Hölderlin/Kleist/E.T.A. Hoffmann/Droste-Hülshoff/B.v.Arnim/Kafka/Musil/Robert Walser/Benn
Architektur - Literaturprojekt 2002
susanne wiegner © 2009

Aufführung als Leseperformance mit Computeranimationen

2002 Uraufführung Literaturhaus, München
"1.Münchner Architekturwoche"
Aufführung mit dem Jungen Theater, Göttingen
"11. Literaturherbst Göttingen"

2003 im "theologischen forum", München
Galerie Akzente, Bad Grönenbach

2004 Kunsthalle, Kempten (Allgäu)
Residenzplatz, Kempten "Bayerische Architekturwoche"