at the museum



3d Animationsfilm
Deutschland (2012)
3 min
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner
"at the museum" ist ein überraschendes Spiel mit der Beziehung zwischen einem Kunstwerk und der Vorstellungskraft des Betrachters.

one moment passes



3d - Animation
Visualisierung eines Gedichts von Robert Lax
Germany (2011)
3 min
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner

Text zu meinen Arbeiten von Andrea Schütte-Bubenik

Magische Reisen durch die Dämmerung

Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter Strahl die ganze, mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün verglichen werden konnte. Die Erscheinung ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue Dämmerung, und nach und nach in eine mond- und sternhelle Nacht verlor.
Bekanntlich hat sich Goethe kaum einem Werk mit solcher Leidenschaft gewidmet wie seiner Farbenlehre. Er verstand sie als Streit- und Kampfschrift gegen den Physiker Isaac Newton und als einen Versuch, das Phänomen Farbe, seine Farbenprinzessin, vor der profanen Welt der (mathematischen) Wissenschaft zu retten. Anstatt diese zu einem Teil des Lichts zu degradieren, entspringt Goethes Farbe dem Spannungsbereich von Hell und Dunkel, einem Da.Zwischen, in dem schließlich die "Dämmerung" oder das "Trübe“ über die Ausprägung der Farbe (und den Grad der Schönheit) entscheidet.
Als Kafka sich am 4. Oktober 1911 auf sein Kanapee legt, hat er soeben die Farbenlehre gelesen. Goethe, der in der wissenschaftlichen Welt mit seinem Werk nicht viel Anklang gefunden hatte, hätte sich über diesen aufmerksamen Leser sehr gefreut. Denn auch Kafka sieht aus dem Zusammenwirken von Hell und Dunkel die Farbe entspringen, sieht in dem Lichtspiel zwischen der hell erleuchteten Küche, dem Vorzimmer und dem dunklen Zimmer eben jene Phänomene auftauchen, die auch Goethe beobachtete.
Trotz der fast wissenschaftlich anmutenden Beschreibung, bleibt Kafkas Reflexion – genau wie Goethes – eine künstlerische. Der Außenraum wird zu einem ästhetischen Binnenraum, zu einem physiologischen und psychologischen Abdruck, der vor allem die Impressionen des Künstlers Kafka spiegelt.
Diesen Eindrücken spürt Susanne Wiegners Film Kafkas Zimmer am 4. Oktober 1911 mit großer Virtuosität nach. Es werden Bilder entworfen, die an Traumbilder und Vorstellungen frühester Kindheit erinnern, es entstehen surreale Bilder, welche die Dunkelheit und Melancholie transportieren, die über allen Betrachtungen Kafkas liegt.
Zugleich greift der Film Kafkas Streben um objektive Genauigkeit auf und erfasst in mathematisch-geometrischen Bildern das Schattenspiel an Wand und Zimmerdecke.

Susanne Wiegner "Kafkas Zimmer am 4. Oktober 1911" (2011)
Erinnert Kafkas Zimmer durch seine Klarheit und Reduktion von Form und Farbe bereits an Traumbilder, so versetzen die Filme constant dripping or no escape und imagines et loci noch weiter in surreale Welten. Begleitet von einem freundlich anmutenden Vogelgezwitscher und Kinderlärm gelangen wir in beiden Filmen in ein Haus, in dem alles Lebendige sogleich zu erstarren scheint: Fahle Wände, graue Türen und schwarzes Mobiliar lassen keinen Raum für Phantasie und Lebendigkeit, sondern beengen mit ihrer geradlinigen Ästhetik und gespenstischen Anonymität. Der rhythmisch tropfende Wasserhahn und die eindringlich tickende Uhr unterstreichen noch den Eindruck einer bedrückenden Verlorenheit in Räumen, in denen es keine Wärme und kein Leben gibt.
Sowohl in constant dripping als auch in imagines et loci verwandeln sich die Sinnbilder bürgerlicher und familiärer Geborgenheit in bedrohliche Apparaturen, die, ihrer Funktionalität beraubt, ein gespenstisches Eigenleben führen. Als in constant dripping der Boden unter dem gefluteten Haus zu schwanken beginnt, rücken Nachttische und Ehebett auf den Betrachter zu und die schweren dunklen Möbel rutschen durch den Raum.
Der einzig lebendige Gegenstand in beiden Filmen ist ein Gemälde, das über dem Ehebett hängt. Mit seinen weichen Formen und bunten Tönen steht es in einem starken Kontrast zu der von strenger Linienführung beherrschten Umgebung. So wird das Bild in imagines et loci schließlich zum Fluchtpunkt für das zur Bibelstunde bestellte Kind, das jede Gelegenheit nutzt, der grauen Wirklichkeit zu entfliehen: Als sein Blick das Gemälde streift, ertönt statt des eintönigen Tickens der Uhr erneut Vogelgezwitscher und die sommerliche Wiese gerät in Bewegung. 
So ist der kindliche Blick das einzige Instrument, mit dem die von protestantischer Strenge geprägte Welt kurzfristig aufgebrochen werden kann. Selbst die Bibel, die auf dem kahlen Küchentisch wartet, wird dem Kind zum Anlass, eine Phantasiereise anzutreten: Bald formen sich aus den gelblichen Blättern des Buches bizarre Hügel und Wasserlandschaften und unter dem gleißenden Licht der Sonne entstehen antike Tempellandschaften.

Susanne Wiegner "imagines et loci" (2009)

Susanne Wiegner "constant dripping or no escape" (2009)
Trotz dieser kindlichen Ausbruchsversuche, behalten beide Filme die melancholische Sphäre einer Welt bei, die in vielen Punkten an die Kafkas erinnert. Wie Kafka den "Schleier der Lüge", der unsere menschlichen Lebens- und Denkformen verdeckt, wegzog, um im Unwirklichen das Wahre zu suchen, so führen auch Wiegners Filme in ein magisches Zwischenreich: Durch die permanente Verflechtung von Realität und Fiktion, von Bewusstsein und Unterbewusstsein, von Vergangenheit und Zukunft, von Hell und Dunkel werden die oberflächlichen Tageswahrheiten unterlaufen und in einem neuen Licht, nämlich in einem unwirklich-wahren gezeigt. Es ist ein Zwielicht, ein Da.Zwischen oder, wie Goethe es formuliert, ein Mittelding: Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht. Dämmerung; eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit. Ein Mittelding.
Diese Neigung zum Mittelding (nicht Mittelmaß) schlägt sich natürlich auch in der künstlerischen Diktion nieder. Wie Kafka auf alle affektgeladenen und wild strömenden Bilder verzichtete, ihm diese regelrecht verhasst waren, nähert sich auch Susanne Wiegner mit großer Distanz und ästhetischer Klarheit ihren Stoffen. Dieser strukturelle Minimalismus, der durch eine klare Linienführung und durch sparsam eingesetzte Farben erzeugt wird, findet schließlich seinen Höhepunkt in der Interpretation von Kafkas Verwandlung. Hier wird das peinvolle Leben des zum Käfer mutierten Gregor, der von der Familie gemieden und schließlich vom Vater tödlich verletzt wird, in einen Kosmos abstrakt-geometrischer Figuren übersetzt und symbolisiert damit, was auch Kafka bei der Verwandlung am Herzen lag: die Distanzierung von menschlichen Affekten mit den Mitteln der Verschiebung, Intellektualisierung und Verfremdung.

Susanne Wiegner "Die Verwandlung" (2007)

Während für Goethe die "Dämmerung" ein Phänomen ist, das die Farbe und die Schönheit hervorbringt, ist es für Kafka ein Ort, an dem das Wahre vom Schleier der Lüge befreit wird. Der amerikanische Schriftsteller Robert Lax schließlich interpretiert "sein" nowhere oder twighlight als einen leeren Raum, der eine Begegnung mit dem wahren Ich erlaubt: I'm sitting in nowhere what we call, looking into the dark and waiting… waiting to begin to be.
Auch für ihn ist Literatur ein Austausch von Träumen und Visionen, aber sie hat eine andere Funktion als für die Schriftsteller Kafka und Goethe. Schreiben ist für ihn Teil eines meditativen Prozesses, es ist ein Begleitinstrument auf dem Weg zum wahren Ich, bildlich ausgedrückt, die Zange, mit der er "dem Ich auf die Welt hilft". Er selbst bezeichnete sich als Spürhund, der unablässig nach dem Ich sucht. Dabei hatte er ein Ich vor Augen, das von jeglichem gesellschaftlichen Ballast befreit und von der ungetrübten Augenblicksgewissheit der Kindheit geprägt sein sollte.
Dies schien ihm nur möglich, indem er sich auf das Nötigste konzentrierte und lediglich einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit fokussierte – so den Regen in seinem Gedicht just midnight. Vom Ballast der vorgefassten Assoziationen, die das Wort nun einmal mit sich bringt, möglichst weit befreit, enthält das Gedicht gerade 19 Worte. Diese stehen, vertikal angeordnet, auf einem weißen Blatt Papier und fordern damit nicht nur einen verlangsamten (fast meditativen) Leseprozess heraus, sondern sind hiermit zu einem Bild, nämlich einem Bild vom Regen geworden. So ist auch der Film just midnight als ein Spiel mit Buchstaben zu verstehen und als ein Experiment, das die vagen Bild- und Klangassoziationen aufzugreifen versucht, die das Gedicht bei dem Leser hervorruft: Aus den Buchstaben entstehen Häuserlandschaften, durch die ein träumendes Ich läuft, und als endlich der Regen "zu sprechen" anfängt, wachsen unter dem klappernden Geräusch einer Schreibmaschine Schriftzeichen in eine surreale Graslandschaft hinein.
Sowohl der Film als auch das Gedicht kreisen zwar spielerisch um das Thema Regen, spiegeln aber ihrer Gestaltung nach einen Raum im nowhere, in dem eine ungetrübte Begegnung zwischen Ich und Welt stattfinden kann.

Susanne Wiegner "just midnight" (2010)
Auch in one moment passes versucht der Dichter Lax durch das Spiel mit den Worten und dessen Klang einem Urphänomen auf die Spur zu kommen. Hier beschäftigt ihn die Frage "Was ist Zeit?" nicht als eine intellektuell-philosophische Kategorie, sondern als ein Phänomen, in das er selbst unentrinnbar hineingenommen ist. Während er die Worte jetzt - gleich - eben formuliert, ist er bereits Teil eines ewig rotierenden Strudels aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zeit ist damit kein lineares Geschehen, sondern ein sich ständig überlappendes und überlagerndes Ereignis.
Folgerichtig sind auch in dem Film one moment passes alle Zeitebenen verwischt beziehungsweise gegenläufig. Während ein (träumendes) Ich, ein Autopilot, aus einer Stadt heraus in eine dunkle Landschaft fährt und zunächst noch in der Frontscheibe das Kommende und im Rückspiegel das Gewesene sieht, werden diese Ebenen bald überblendet, sodass der Eindruck entsteht, als würde das Ich sowohl rückwärts als auch vorwärts fahren.
Das alles findet auch in diesem Film vor dem Hintergrund einer magisch-surrealen Landschaft statt, die, so eindrücklich wie in allen Filmen Susanne Wiegners, den Raum zwischen Ich und Welt, zwischen Traum und Wirklichkeit visualisiert. Sie, die Filme, sind wie der Blick des eben Erwachten, der sich an einen Traum erinnert, ihn aber nicht mehr in Wort fassen kann. Zugleich sind sie von einer spielerisch melancholischen Atmosphäre getragen, die sich am besten mit einem Gedicht von Lax fassen lässt: Der Kern ist Stille, dunkle Stille. Immer ist da Bewegung, ein Licht, ein Klang, dann hört es auf, und es bleibt nur dunkle Stille.

Andrea Schütte-Bubenik studierte Germanistik, Psychologie und Theologie und promovierte mit einer Arbeit über die Epoche der Empfindsamkeit an der Freien Universität Berlin. Neben der Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin, schreibt sie Bücher über die Goethezeit. Mit der Unerhörten Reise in die Goethezeit- Handbuch für Kulturverdrossene (2009) versuchte sie bereits den Lesern einen unmittelbaren und ungezwungenen Zugang zu Goethe und seinen Zeitgenossen zu ermöglichen. Eine neue Arbeit über Goethes naturwissenschaftliche Studien folgt einem ähnlichen Ansatz.

just midnight




















3d - Animation
Visualisierung eines Gedichts von Robert Lax
Germany (2010)
3 min 37 sec
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner

Aufführungen:
- ZEBRA Poetry Film Festival, Berlin, 14.10. - 17.10.2010
- kunsTTempel, Kassel, 28.10. - 21.11.2010 
- Les Instants Vidéo, Marseille, 12.11.2010
- Internationales Kurzfilmfestival (Best of ZEBRA), Berlin, 16.11.-21.11.2010
- directors lounge, Berlin, 15.02.2011
- upgrade! Munich, i-camp, München, 16.02.2011
- da.zwischen/in.between, galerie49, München. 06.05.-02.06.2011
- re-new, digital arts festival, Kopenhagen, 17.05.-19.05.2011
- Video Arts Festival, Athen, 20.05.-22.05.2011
Trevigliopoesia, Bergamo, 27.05.2011
Gewinner des Festivalpreises "la parola immaginata" 
- Festival Silêncio, Lissabon, 17.06.2011 (intern. Wettbewerb)
- MIDEN Festival, Kalamata, 07.07.2011
- pixileration [v.8], Providence, RI, 27.09.2011


"just midnight" ist ein Gedicht von Robert Lax, das mit sehr minimalen Mitteln eine zeitliche und räumliche Augenblicksstimmung vermittelt.
Bei seinen Texten war es Robert Lax wichtig, wie die Buchstaben und Worte auf dem Papier gesetzt sind und so enstand hier eines seiner typischen vertikalen Schriftbilder, das für den Film übernommen wurde. Die Buchstaben werden zu Räumen, zu Akteuren, die von der Kamera durchschritten und umrundet werden. Allmählich entsteht vor dem Auge des Betrachters ein
dreidimensionales Wortgebilde, das dann wieder in der Zweidimensionalität eines Blatt Papiers verschwindet.



mixed reflection



































3d - Animation/Video
Selbstportrait
Germany (2010)
2min 35sec
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner

Der Film "mixed reflection" arbeitet sowohl mit der Mischung digitaler Techniken, dem Video und der 3d Animation als auch mit der Vermischung von Medien, die uns (oftmals unvermittelt) mit unserem Gesicht konfrontieren; dem Spiegel, der Kamera und der Leinwand.
Das Video spielt in der Privatheit des Badezimmers - es ist jedoch nicht klar, ob ich mich im Spiegel betrachte oder scheinbar unbeobachtet vor einer Kamera agiere.

Aufführungen:
- Pixileration [V.7], Providence, Rhode Island, 30.09. - 10.10.2010
- VideoChannel Cologne, [self]~ imaging v.3.0




kafkas zimmer am 4.10.1911


aus Kafkas Reisetagebuch "Friedländer Reise, Jänner 1911"

Kaiserpanorama. Einzige Vergnügung in Friedland. Habe keine rechte Bequemlichkeit darin, weil ich mich einer solchen schönen Einrichtung wie ich sie dort antraf, nicht versehen hatte, mit schneebehängten Stiefeln eingetreten war und nun vor den Gläsern sitzend nur mit den Fußspitzen den Teppich berührte. Ich hatte die Einrichtung der Panoramas vergessen und fürchtete einen Augenblick lang von einem Sessel zum andern gehn zu müssen. Ein alter Mann bei einem beleuchteten Tischchen, der einen Band illustrierte Welt liest, führt das ganze. Läßt nach einer Weile für mich ein Ariston spielen. Später kommen noch 2 alte Damen, setzen sich rechts von mir, dann noch eine links. Brescia, Kremona, Verona. Menschen drin wie Wachspuppen an den Sohlen im Boden im Pflaster befestigt. Grabdenkmäler: eine Dame mit über eine niedrige Treppe schleifender Schleppe öffnet ein wenig eine Tür und schaut noch zurück dabei. Eine Familie, vorn liest ein Junge eine Hand an der Schläfe, ein Knabe rechts spannt einen unbesaiteten Bogen. Denkmal des Helden Tito Speri: verwahrlost und begeistert wehen ihm die Kleider um den Leib. Bluse, breiter Hut.
Die Bilder lebendiger als im Kinematographen, weil sie dem Blick die Ruhe der Wirklichkeit lassen. Der Kinematograph gibt dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung, die Ruhe des Blickes scheint wichtiger. Glatter Boden der Kathedralen vor unserer Zunge. Warum gibt es keine Vereinigung von Kinema und Stereoskop in dieser Weise? Plakate mit Pilsen Wihrer aus Brescia bekannt. Die Entfernung zwischen bloßem Erzählenhören und Panorama sehn ist größer, als die Entfernung zwischen Letzterem und dem Sehn der Wirklichkeit. Alteisenmarkt in Kremona. Wollte am Schluß dem alten Herrn sagen, wie gut es mir gefallen hatte, wagte es nicht. Bekam das nächste Programm. Offen von 10 Uhr bis 10 Uhr.






Erste Bilder aus der Animation
Kafkas Zimmer am 4. Oktober 1911


video

1. Versuchsanordnung
Erstellung eines "realistischen" 3d Modells mit verschiedenen Lichtquellen


Prag Niklasstrasse
Wohnung der Familie Kafka in der Niklasstrasse

Aktuelles Raum-Literaturprojekt zu Kafkas Tagebuchstelle vom 4.10.1911
"Gegen Abend im Dunkel in meinem Zimmer auf dem Kanapee. Warum braucht man längere Zeit um eine Farbe zu erkennen wird dann aber nach der entscheidenden Biegung des Verständnisses rasch immer überzeugter von der Farbe. Wirkt auf die Glastür von außenher das Licht des Vorzimmers und jenes der Küche gleichzeitig, so gießt sich grünliches oder besser um den sichern Eindruck nicht zu entwerten, grünes Licht die Scheiben fast ganz hinab. Wird das Licht im Vorzimmer abgedreht und bleibt nur das Küchenlicht, so wird die der Küche nähere Scheibe tiefblau, die andere weißlich blau so weißlich, daß sich die ganze Zeichnung auf dem Mattglas (stilisierte Mohnköpfe, Ranken, verschiedene Vierecke und Blätter) auflöst. - Die von dem elektrischen Licht auf der Straße und Brücke unten auf die Wände und die Decke geworfenen Lichter und Schatten sind ungeordnet zum Teil verdorben einander überdeckend und schwer zu überprüfen. Es wurde eben bei der Aufstellung der elektrischen Bogenlampen unten und bei der Einrichtung dieses Zimmers keine hausfraumäßige Rücksicht darauf genommen, wie mein Zimmer zu dieser Stunde vom Kanapee aus ohne eigene Zimmerbeleuchtung aussehn wird. - Der von der unten fahrenden Elektrischen an die Decke emporgeworfene Glanz fährt weißlich, schleierhaft und mechanisch stockend die eine Wand und Decke, in der Kante gebrochen, entlang. - Der Globus steht im ersten frischen vollen Widerschein der Straßenbeleuchtung auf dem oben grünlich rein überleuchteten Wäschekasten, hat einen Glanzpunkt auf seiner Rundung und ein Aussehn, als sei ihm der Schein doch zu stark, trotzdem das Licht an seiner Glätte vorüberfährt und ihn eher bräunlich, lederapfelartig zurückläßt. - Das Licht aus dem Vorzimmer bringt einen großflächigen Glanz an der Wand über dem Bett hervor, der in einer geschwungenen Linie vom Kopfende des Bettes aus begrenzt wird, das Bett im Anblick niederdrückt, die dunklen Bettpfosten verbreitert, die Zimmerdecke über dem Bette hebt."
(aus Franz Kafkas Tagebücher)

kafkas zimmer am 4.10.1911 (erste Videoskizzen auf meiner website)

Bei meinen Recherchen zu den Schreibräumen habe ich diese Tagebuchstelle "entdeckt", die mich wegen der genauen, fast wissenschaftlichen Beschreibung einer sehr begrenzten räumlichen Situation interessiert. Ich habe deshalb beschlossen diesen Text als neues Projekt in eine 3d Animation umzusetzen.
susanne wiegner © 2009

imagines et loci




imagines et loci
3d-Animationsfilm
2009
11 min 57 sec
Idee und Ausführung: Susanne Wiegner

Aufführungen 2009/2010
"Les Instants Vidéo", Marseille
ab November 2009 Teil des "CologneOFF V" Festivals

"There is no escape from yesterday
because yesterday has deformed us,
or been deformed by us."
(Samuel Beckett)

Ausgelöst durch alte Familienphotos und das Ticken der Uhr setzt ein Erinnerungsprozess ein, der mit der räumlichen Überblendung von erinnerter Wirklichkeit und vorgestellter Möglichkeit spielt.
Das Kind betritt zur Bibelstunde das Haus der Großeltern, eine strenge, religiöse, geordnete Welt, fest eingebunden in einen zeitlich exakt geregelten Tagesablauf. Ein Ort, der kindlichen Bedürfnissen keinen Platz zugesteht. Die Kamera folgt konsequent dem Blick des Kindes, das, fokussiert auf bestimmte Dinge, Fluchtstrategien entwickelt. Vor dem Auge des Betrachters entstehen Hyperräume kindlicher Vorstellung, kurzzeitige Rückzugsorte, die jedoch ohne wirklichen Ausweg im fest umgrenzten Erinnerungsort enden.
susanne wiegner © 2009